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Kultur

AC/DC spielen vor 70.000 Fans im Ostragehege

Norbert Seidel

Nichts verbildlicht den Kosmos von AC/DC besser als diese gigantische Lokomotive, die, den „Rock'n'Roll Train" hinter sich herziehend, kurz vor 21 Uhr mit viel Pyrotechnik eine vermeintliche Bühnenwand durchbricht. Seit annähernd 40 Jahren propagiert die Band Rock'n'Roll als Fahrt unter Volldampf, stilistisch so einfach wie verlässlich wie eingleisig. Eine Garantie, die als solche den Sympathiebonus nährt, die auch im Dresdner Ostragehege die Fans bereits in der dritten Generation auflaufen lässt.

Und sieht man Papas Jüngsten im Band-Shirt, erinnert sich der eine oder andere an Mannwerdung anno 1983, als man vielleicht im neuen AC/DC-T-Shirt den Schulbus erklomm, um der Mädchenwelt zu demonstrieren, dass man zur gerade neu entdeckten zwischengeschlechtlichen Chemie womöglich den passenden Soundtrack parat hat und auch sonst nicht aus Pappe ist. Ob entsprechende Reize mit einem AC/DC-Shirt heute noch so stimuliert werden, darf ernsthaft bezweifelt werden, andere allerdings schon: Es ist anzunehmen, dass der astronomische Bier-Umsatz das einzige war, was den batteriebetriebenen, blinkenden Teufelshörnchen im Verkauf den Rang ablief. Und so übt sich exemplarisch ein Zwickauer Herren-Kegel-Klub bei jedem Solo von Angus Young in einer wahren Luftgitarren-Orgie; weiter vorn an der Bühne wäre dafür kein Platz - dort tobt innig die engere Fangemeinde, die das ablaufende Programm vermutlich schon mehr als auswendig kennt, aber eben wohl auch darum liebt.


Schon an dritter Stelle starten die Australier mit dem Klassiker „Back In Black" richtig durch und dürfen sich auch hier freuen, dass sie ihren Angus haben; die wurstige Ikone, der Verrückte in der Schuluniform, mit dem Teufel in den Fingerchen, denen die Kameras nicht selten in Nahaufnahme beim besessenen Surf über das Saitenbrett folgen. Da mag Sänger Brian Johnson noch so druckvoll quetschen und quengeln und reiben - spätestens ab dem ingeniös angegniedelten „Thunderstruck" ist Angus der kurzhosige Dirigent des Abends. Zwischen der Präsentation seiner AC/DC-Boxershorts zum lasziven „The Jack", bei dem sich auch die aufsitzende Dresdner Damenwelt auf den Großleinwänden plötzlich repräsentiert sieht, und der beeindruckenden, unheiligen und zwanzigminütigen Angus-Solo-Messe zum vorläufig abschließenden „Let There Be Rock" liegt ein handwerklich freilich astreiner Gig der Band, nicht mehr und nicht weniger. Ohne diesen Angus, der stets von einem zum anderen Bühnenende rennt, könnte das - so zumindest eine These - zum Teil auch durchaus etwas ermüdend vor sich hin kleckern.,

  • Foto: Sebastian Kahnert
Doch der Rock'n'Roll-Konsens ist perfekt - nicht zu schnell und doch kraftvoll, deftiger Blues ohne doppelten Boden und ein ganzes Arsenal an hingeklotzten Effekten. Groß und kräftig muss alles sein - bis hin zur Oberweite der aufblasbaren Rosie, die sich schlussendlich fußwippend zu ihrem Song auf der gehörnten Lokomotive niederlässt. Niemand wird wohl bestreiten, dass es da im Verbund mit der nicht selten bonbonbunten Lichtshow auch gelegentlich etwas mehr nach Rummelplatz riecht als nach schweißtreibender Dampfmaschinerie mit Sexappeal.

Die Kavallerie mit Malcolm Young (Gitarre), Cliff Williams (Bass) und Drummer Phil Rudd buttert jedenfalls solide zu, obgleich stoisch angewurzelt. Das spürt man regelrecht physisch beim beschleunigenden „War Machine", in dessen Leinwand-Video zudem Angus Gitarren und Fallschirmmiezen aus einem Bomber abwirft. Dass nach der saftig inszenierten und alle krummen Rücken noch einmal aufrichtenden, obligatorischen Zugabe mit „Highway To Hell" das finale „Those About To Rock" in einer leichten Müdigkeit dem sich obendrein etwas verspätenden Abschlussfeuerwerk nicht gerade den roten Teppich ausrollt, macht vermutlich nach diesem Auftritt keinen Fan mehr unglücklich.


© DNN-Online, 21.06.2010, 14:57 Uhr
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