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„Findbuch“ - 65 Jahre nach Kriegsende bekommen Nummern Namen

Petra Strutz, dpa

  • Der Historiker Klaus-Dieter Müller von der Stiftung Sächsische Gedenkstätten präsentiert am Freitag im Landtag in Dresden das 630 Seiten starke „Findbuch“.
    Der Historiker Klaus-Dieter Müller von der Stiftung Sächsische Gedenkstätten präsentiert am Freitag im Landtag in Dresden das 630 Seiten starke „Findbuch“.
Dresden. „Liebe Frau, Du wirst erstaunt sein, so plötzlich Post von mir zu erhalten.“ Die Fotografie einer Postkarte, geschrieben 1946 aus einem sowjetischen Kriegsgefangenenlager, stimmt nüchtern und berührend zugleich auf das Buch ein. Schlichter beige-brauner Einband, 630 Seiten mit Tabellen, Nummern und fremd klingenden Ortsnamen. „Findbuch“ lautet der Titel, hinter dem sich Millionen Schicksale deutscher Soldaten und Zivilisten in sowjetischen Gefangenenlagern verbergen.

Das jetzt vorgelegte Buch listet all jene Orte in der ehemaligen Sowjetunion auf, an denen Wehrmachtssoldaten und deportierte deutsche Zivilisten zwischen 1941 und 1956 ihr Dasein fristeten: Mehr als 6000 Lager und Außenstellen, aber auch Friedhöfe, über 5000 Sammelpunkte an der Front. „Diese umfassende Darstellung ist einmalig“, sagt der Historiker Klaus-Dieter Müller. Zudem basiert sie auf Dokumenten aus dem Staatlichen Russischen Militärarchiv in Moskau.

Frühere Publikationen griffen hauptsächlich auf Erinnerungen von Heimkehrern zurück, erklärt Müller, der die Dokumentationsstelle der Stiftung Sächsische Gedenkstätten in Dresden leitet. „Und die waren mitunter lückenhaft. Manch einer kannte nur die Nummer des Lagers.“ Nachdem in Moskau die Archive geöffnet wurden, bot sich die Chance für genaue Recherchen, die Nummern bekommen Namen: „Wir kamen an verlässliche Informationen, als 2003/04 damit begonnen wurde, die Bestände dieses riesigen Archivs zu digitalisieren.“ Bis zu diesem Zeitpunkt waren nur etwa 2000 Lagerstandorte bekannt, schätzt der Historiker.

Konkreten Einzelschicksalen widmet sich das „Findbuch“ mit dem langen Titel „Orte des Gewahrsams von deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion (1941-1956)“ nicht - abgesehen von den wenigen Fotos und Reproduktionen im Vorwort. Es kann aber helfen, Wege von noch immer Vermissten zu rekonstruieren. „Letztlich ist es ein Buch für Millionen Hinterbliebene, die Generation von Kindern und Enkelkindern“, sagt Historiker Müller.

„Weit über eine Million Menschen haben bis heute nichts über den Verbleib ihrer vermissten Familienangehörigen erfahren“, schreibt der Präsident des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), Rudolf Seiters, im Vorwort. DRK, der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und der Bund haben sich an dem Projekt beteiligt, das die Sächsische Gedenkstättenstiftung koordinierte.

Das Buch ergänzt eine Datenbank, zu der die Stiftung mit ihrer Dokumentationsstelle in Dresden Auskünfte gibt. „Das Interesse ist riesengroß“, 65 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, sagt der Historiker. 1000 Exemplare des „Findbuchs“ wurden gedruckt. Sie sollen vor allem Behörden und Bibliotheken zur Verfügung gestellt werden.

© DNN-Online, 09.07.2010, 18:37 Uhr
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