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Stadt Leipzig will umstrittenes Flüchtlingsheim schließen – dezentrale Unterkünfte geplant

Matthias Puppe

  • Das bisherige Asylbewerberheim in der Torgauer Straße. Im kommenden Jahr sollen hier keine Flüchtlinge mehr leben müssen. (Archivfoto)
    Foto: André Kempner
    Das bisherige Asylbewerberheim in der Torgauer Straße. Im kommenden Jahr sollen hier keine Flüchtlinge mehr leben müssen. (Archivfoto)
Leipzig. Die Stadtverwaltung will ein umstrittenes Asylbewerberheim am Rande Leipzigs schließen und dafür im gesamten Stadtgebiet ansprechende Alternativen schaffen lassen. Wie Sozialbürgermeister Thomas Fabian (SPD) am Dienstag bekannt gab, sollen mehr als 200 – bisher unter unzureichenden Bedingungen in der Torgauer Straße lebende – Flüchtlinge ab November 2013 in sechs Mehrfamilienhäusern in Plagwitz, Portitz, Wahren, Eutritzsch, Schönefeld und Dölitz-Dösen umziehen. Zudem werde in Grünau ein weiterer Plattenbau zur Steigerung der Flüchtlingskapazität angemietet.



„Der Standort in der Torgauer Straße soll aufgegeben und das Gebäude abgerissen werden“, sagte Fabian und fügte an: „Wir selbst halten die Zustände dort ja nicht für gut.“ Eigentlich hätte das Gelände saniert werden müssen, dann wurden aber gewerbliche Nutzungsansprüche bekannt. „Wir haben uns deshalb auf eine aufwendige und mühselige Suche nach Alternativen gemacht“, berichtete Fabian.

  • In derEythstraße 3 könnten künftig bis zu 30 Flüchtlinge wohnen.
    Foto: Jakob Richter
    In derEythstraße 3 könnten künftig bis zu 30 Flüchtlinge wohnen.
Dabei sei auch die besondere Situation der Flüchtlinge sowie ihr Wunsch nach Privatsphäre und selbstbestimmtes Leben berücksichtigt worden. Konkret bedeutet das: Die Mindestwohnfläche pro Flüchtling erhöht sich künftig von sechs auf siebeneinhalb Quadratmeter, Wohn- und Schlafräume werden nur noch mit maximal zwei Bewohnern belegt und Familien erhalten abgeschlossene Wohneinheiten. Die nun ausgewählten Häuser gehören entweder der Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft (LWB) oder der Kommune und können künftig maximal 50 Personen aufnehmen. Stimmt der Stadtrat dem Vorhaben im Juni zu, sollen die städtischen Gebäude auf die LWB übertragen und zusammen mit den anderen saniert werden.

Insgesamt rechnet die Stadtverwaltung durch den Umzug aus der Torgauer Straße in die neuen Unterkünfte mit jährlichen Mehrkosten in Höhe von 324.000 Euro. Nach einem positiven Stadtratsvotum könnten bis November 2013 alle Objekte bezugsfertig sein, hieß es am Dienstag. „Als erstes soll das Gebäude in der Eythstraße für Flüchtlinge, die aufgrund seelischer Belastungen oder Suchtproblemen eine besondere Betreuung benötigen, fertig gestellt werden“, erklärte Fabian.

  • In der Pögnerstraße 14 könnten künftig bis zu 40 Flüchtlinge wohnen.
    Foto: Jakob Richter
    In der Pögnerstraße 14 könnten künftig bis zu 40 Flüchtlinge wohnen.
Ohnehin will die Stadtverwaltung die soziale Unterstützung für alle Asylbewerber verbessern. „Das sind meist Menschen, die unter schwierigsten Bedingungen ihr Land verlassen, weil sie dort körperlich oder psychisch bedroht werden. Wenn sie dann hier ankommen, werden sie doppelt seelisch belastet: durch die Sorge um ihre Heimat und die Ungewissheit. Jeder weiß doch, wie belastend Ungewissheit sein kann“, betonte Leipzigs Sozialbürgermeister.

Die Zahl der helfenden Sozialarbeiter werde deshalb fast verdoppelt, die derzeit fünfeinhalb Stellen auf elf aufgestockt, sagte Martina Kador-Probst, Leiterin des Leipziger Sozialamtes. Zwar sei eine Betreuung, wie sie nun in Leipzig geplant ist, so vom Gesetzgeber nicht vorgesehen, „aber die Flüchtlinge brauchen oftmals einfach schon jemanden, der ihnen dabei hilft, sich in der Stadt zurechtzufinden“, ergänzte Fabian.

Perspektivisch rechnet die Stadt künftig mit einer weiteren Zunahme von Asylantragstellern in Leipzig. Aktuell gibt es in Leipzig mehr als 1000 Bewerber und so genannte Geduldete, deren Abschiebung noch ausgesetzt wurde. Laut des Sozialbürgermeisters kommen Neuankömmlinge momentan vor allem aus Indien, Pakistan, Iran, Serbien oder Mazedonien. Gut die Hälfte der Asylsuchenden lebt dabei schon jetzt in dezentralen Unterkünften über die Stadt verteilt. Seit mehr als zehn Jahren forciere die Kommune dieses Unterbringungskonzept, sagte Fabian.

Aufgrund der mittelfristigen Zunahme von Asylanträgen will die Stadtverwaltung zum schon bestehenden Flüchtlingsheim in der Liliensteinstraße noch einen weiteren Plattenbau in Grünau sanieren und anmieten zu lassen. Im Haus in der Weißdornstraße 102 könnten dann 180 Flüchtlinge wohnen, was zusätzliche 470.000 Euro pro Jahr aus der Stadtkasse beanspruchen würde. Damit steige der jährliche Gesamtaufwand für Bewirtschaftung und Betreuung von Asylbewerbern in Leipzig auf knapp zweieinhalb Millionen Euro.

Falls die dann verfügbaren 1300 Plätze irgendwann immer noch nicht ausreichen, will die Stadtverwaltung weitere Kapazitäten in der Hinterhand schaffen: „Für den Notfall wird in Paunsdorf eine Fläche frei gehalten, um bei einer unvorhersehbaren Zunahme gewappnet zu sein“, berichtet Sozialamtsleiterin Kador-Probst. Ähnlich der Interimslösung für das Thomasgymnasium könnten hier dann Wohncontainer aufgestellt werden, ergänte Fabian.

Geplante neue Wohnhäuser für Asylbewerber in Leipzig:

Markranstädter Straße 16/18: 40 Plätze
Am langen Teiche 17/Ctradefelder Straße 12: 50 Plätze
Pittlerstr. 3-7/Pferdener Straße 16: 18+18+18+16 Plätze
Eythstraße 3: 30 Plätze
Pögnerstraße 14: 40 Plätze
Bornaische Straße 215: 35 Plätze
Weißdornstraße 102: 180 Plätze

© DNN-Online, 08.05.2012, 14:07 Uhr
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